Chronik
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Der ehemalige Gasthof "zum Landsberg" an der Ostseite des Dalbergplatzes, heute nach zahlreichen Besitz- und Namenswechseln Brückenschenke geheißen, sollte den Höchstern, vor allem aber den Angehörigen der hiesigen Kolpingsfamilie, allemal einen erinnernden Blick wert sein. Hier steht, als Bauwerk vollständig und nur wenig verändert erhalten, die heute älteste Bahnhofswirtschaft Deutschlands, und hier wurde am 17. Januar 1869 der Katholische Gesellenverein Höchst am Main, die Kolpingsfamilie, gegründet. Nicht im "Bären", am Höchster Schlossplatz in unmittelbarer Nähe der Justinuskirche, wie manchmal zu lesen ist, sondern hier an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt schon des alten Höchst, wurde der Gesellenverein aus der Taufe gehoben. Das war kein Zufall. Seit 1818 war die damals neu angelegte Königsteiner Straße, Älteren als die "Sodener Chaussee" bekannt, die wichtigste Verbindung von Höchst nach Norden über den Taunus hinweg. Als 1839 die Taunuseisenbahn als drittälteste deutsche Eisenbahn den Verkehr zwischen Frankfurt a.M. und Wiesbaden aufnahm, wurde der erste Höchster Bahnhof sebstverständlich an der Kreuzung der Bahnlinie mit der Königsteiner Straße angelegt, und mit ihm die Bahnhofswirtschaft "Zum Landsberg". Seither betraten zahlreiche von außerhalb kommenden Reisenden an dieser Stelle die Stadt Höchst. So auch die wandernden, nach altem Brauch "auf der Walz" sich befindenden Handwerksgesellen, nur dass sie in der Regel nicht die teure Eisenbahn benutzten, sondern brav auf der Landstraße tippelten. Auf jeden Fall dürfte manch einer der fahrenden Handwerksburschen nach einem langen Marsch auf der staubigen Landstraße seinen ersten erfrischenden Trunk hier im "Landsberg" genommen haben. Das war Grund genug, gerade hier eine Vereinigung ins Leben zu rufen, die sich des leiblichen und seelischen Wohls der wandernden Gesellen annehmen wollte. Zwanzig Jahre zuvor hatte der Kölner Domvikar Adolf Kolping den ersten Gesellenverein zur Betreuung fahrender Handwerksburschen gegründet und in ihrem Gründungsprotokoll konnten die Höchster Vereinsgründer schon auf mehr als hundert katholische Gesellenvereine des "Gesellenvaters Kolping" als Vorbilder verweisen. Und so wie Kolping als "Vater" bezeichnet wurde, sollten auch die von ihm ins Leben gerufenen Vereine nicht einfach in pragmatischer Weise den Zweck der Unterbringung von Handwerksgesellen verfolgen, sondern ihnen darüber hinaus ein Heim, die Geborgenheit einer Familie bieten. Dieses von christlicher Nächstenliebe geprägte Konzept unterschied die Kolpingvereine wesentlich von anderen Vereinigungen mit ähnlicher Zielsetzung und hat Eingang gefunden in den bis heute allgemein gebräuchlichen Namen "Kolpingsfamilie". Es ist bezeichnend, das die Gründung des Vereins 1869 in Höchst mit einem Ereignis zusammenfiel, dessen Tragweite wohl kaum jemand unter den Männern der ersten Stunde ermessen konnte, dass aber in der Stadt für die rasche Wandlung des Standes der wandernden Handwerker hin zum Industriearbeiter große Bedeutung haben sollte. Die kleine, vor der westlichen Stadtmauer gelegene Fabrik der Herren Meister, Lucius und Brüning wurde von 1869-1873 in das bis dahin noch völlig unbebaute Unterfeld verlegt. 1863 mit insgesamt sieben Mitarbeitern gegründet, war deren Zahl zehn Jahre später schon auf über dreihundert gestiegen und sollte bis zum 1. Weltkrieg zehntausend erreichen. Eine Expansion ungeahnten Ausmaßes setzte ein und hatte einen gewaltigen Bedarf an Arbeitskräften zur Folge, auch bei den Zulieferern aus dem lokalen Handwerk. Viele Handwerker wechselten in die neue soziale Schicht der Industriearbeiter. Sie kamen vermehrt nach Höchst, oft allein, manchmal entwurzelt, denn mit der Industrialisierung ging auch die alte Tradition der Aufnahme des Gesellen in den Familien des Handwerksmeisters verloren.
Es war nicht nur das Gebot der christlichen Caritas, diesen Menschen helfend beizustehen, sondern in einer Zeit, die staatliche Sozialleistungen nicht kannte, auch eine soziale Notwendigkeit. Der Erfolg des Kolpingwerks in Deutschland und auch der Kolpingsfamilie in Höchst beruhte darauf, dies erkannt und rasch Abhilfe geschaffen zu haben. In Höchst hatten der Sprenglergeselle Peter Scherer und Kaplan Ambrosius Schupp die Initiative ergriffen. Vorgespräche unter den Gesellen am Ort waren vorausgegangen. Bei der Gründung waren etwa achtzig Gesellen anwesend, von denen fünfundsechzig beitraten. In der Folgezeit ging man tatkräftig ans Werk. Von Anfang an stand neben dem Willen, durchreisende Gesellen zu betreuen und zu beherbergen, die Absicht, ein weitgespanntes Unterrichtsprogramm mit berufsbildenden Fächern wie Rechnen, Buchführung, Geschäftsstil und Zeichnen aber auch allgemein bildenden Themen wie Geographie, Geschichte, Religion, Gesang und Fremdsprachen durchzuführen. Diese Aufgabenstellung lag im Zug der Zeit. Vielerorts, vor allem aber in den Kreisen von Arbeiterschaft und Handwerkern selbst erkannte man, dass gegen die drohende Proletarisierung und den sozialen Abstieg in der noch weithin ungeformten Masse der schnellwachsenden Industriearbeiterschaft Fortbildung und Qualifikation ein wirksames Mittel zur Erhaltung oder Verbesserung des sozialen Status war. Die Chance zum beruflichen Aufstieg ging hier mit der Ausbildung eines Selbstbewusstseins und der Findung einer eigenen Identität im Kleinbürgertum Hand in Hand. Der Erfolg gab dem Kolpingwerk recht. An der Nahtstelle zwischen Handwerk und Industrie trug es mit seiner Arbeit zur Bildung einer stabilen sozialen Schicht, dem heute zu Unrecht belächelten Kleinbürgertum, bei, die in der Umbruchszeit der Industrialisierung für viele zu einer sicheren Heimstatt wurde. Natürlich war die Kolpingfamilie zuallererst ein katholischer Verein. Er stand allerdings auch Gesellen anderer Konfessionen offen, wenn sie bereit waren, am religiösen Leben im Verein, dem sonntäglichen Kirchgang teilzunehmen und die christlichen Vorstellungen von Zucht und Sitte zu beachten. Die doppelte Integration in die Kolpingsfamilie und Gemeinde gab vielen nach Höchst in die rauhe Industriewelt Kommenden zusätzlich Halt und nahm ihnen den Charakter des Fremden, des "Dahergelaufenen". Die Selbstdarstellung als katholischer Verein brachte nach 1871 im vom protestantischen Preußen geprägte Deutsche Reich schon bald große Probleme, die in Bismarks Kulturkampf gegen die katholische Kirche ihren traurigen Höhepunkt hatten. Ungeachtet aller schweren Bedrückungen in dieser Zeit erlebte die Höchster Kolpingfamilie eine Stetige, ungebrochene Aufwärtsentwicklung. Schon 1877 konnte das erste Gesellenhaus feierlich eingeweiht werden. Es ist kein Wunder, dass in einem Verein, in dem so viel handwerkliches Können vereinigt war, alle tatkräftig mit anpackten. Und so konnte schon im Folgejahr der so dringend benötigte Saalbau für die zahlreichen eigenen Veranstaltungen fertiggestellt werden. An der Stelle des ersten Gesellenheims wurde 1903/04 auf der Ecke Emmerich-Josef-Straße/Antoniterstraße ein ungleich größeres Haus errichtet. Diesem schloss sich bald ein 1913-1916 errichteter großzügig Saalbau an. Beide Gebäude stehen noch heute fast unverändert, wenngleich sie nicht mehr der Kolpingfamilie sind. 1935 musste unter politischem und finanziellem Druck der damaligen Machthaber das gesamte Anwesen verkauft werden, aus dem Saalbau wurde ein Kino. Wer heute an dem backsteingeschmückten Eckbau vorbei ins "Neue Theater" geht, kann in dem nur wenig veränderten Raum eine Vorstellung davon gewinnen, was die Höchster Kolpingsfamilie ihren Mitgliedern und Gästen zu bieten hatte. Der Name des Antoniterhofes, wie das Anwesen genannt wurde, und das Gründungsdatum der 17. Januar, das Fest des hl. Antonius Eremita, geben auch einen Hinweis auf die Tradition, in die die Kolpingfamilie sich stellte. Die Justinuskirche, Pfarrkirche bis 1909, hatte mehr als 350 Jahre dem Antoniterorden zugleich als Klosterkirche gedient. Auf dem Hochaltar findet man neben dem hl. Augustinus auch den hl. Josef, den Patron der Handwerker und Verkörperung des sorgenden Vaters, wie dies Adolf Kolping den wandernden Gesellen gewesen war. Ob, wie es in einer älteren Chronik der Höchster Kolpingfamilie heißt, man bei der Bezugnahme auf den hl. Antonius auch einen frühen Gönner des Vereins, den reichen Höchster Holzhändler Anton Schweitzer ehren wollte, sei dahingestellt, bemerkenswert ist die karitative Zielsetzung aller, die an der Gründung und Entwicklung der Kolpingfamilie Höchst aktiven Anteil genommen haben. In den zwanziger Jahren erlebte die Kolpingfamilie die Höhepunkte ihrer Wirksamkeit, ehe diese Entwicklung nach 1933 durch Nationalsozialismus und Weltkrieg hart abgeschnitten wurde. Ob durch Beherbergung, Fortbildung oder im geselligen Leben, der Verein glänzte durch beachtliche Leistungen und erwarb sich Ansehen nicht nur in der katholischen Bevölkerung. Innerhalb des Vereins gab es Untergliederungen, für unterschiedliche Neigungen, für Jung und Alt. Mehr als heute war damals die Vereine Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens und eine wirkliche zweite Heimat für ihre Mitglieder. Gerade in der wirtschaftlich und politisch schwierigen Zeit der zwanziger Jahre war auch die Kolpingsfamilie für ihre Mitglieder ein Ort der Ruhe und der Stabilität. Daran nach den schweren Zeiten der Naziherrschaft, des 2. Weltkrieges und der Not der Nachkriegsjahre wieder anzuknüpfen war schwer. Der Antoniterhof war verloren und das neue Pfarrheim bot nur unzureichenden Ersatz. Aber auch die Formen des Lebens in Verein und Gemeinde wandelten sich, sehr langsam zwar aber doch unaufhaltsam. Vor allem aber war der einstigen Zielsetzung des Vereins, wandernden Gesellen Beherbergung und Geborgenheit zu bieten, im veränderten sozialen und beruflichen Umfeld der Boden entzogen. Sicher gibt es auch heute Berufsanfänger im Handwerk, die bei der persönlichen Orientierung bis hin zur Wohnungssuche im Ballungsraum Schwierigkeiten haben. Aber das alte Instrumentarium des Kolpingwerks aus seiner Gründerzeit kann hier nicht greifen. So entstehen mit den alten Problemen in einer veränderten Zeit neue Aufgaben, auch für die Kolpingvereine. Die Höchster Kolpingfamilie blickt auf eine lange und stolze Tradition zurück. Ihre Leistungsbilanz, auch in schwierigen Zeiten, kann sich sehen lassen. Der enge Zusammenhalt, die familiäre Atmosphäre werden auch in Höchst dazu beitragen, gemeinsam die neuen Aufgaben zu meistern. Text von Dr. W. Metternich |